Musik macht happy

1. Der Ton macht die Musik

Dass Musik Glücksgefühle auslösen kann, durfte ich im Juli am eigenen Leibe erfahren, als ich zum ersten Mal seit langem wieder auf einem Musik-Festival war. Beim North Sea Jazz Festival in Rotterdam wird erstklassiger Jazz, Blues, Funk und Soul geboten und ich bin mit entsprechend hohen Erwartungen hingefahren. Was ich nicht erwartet hatte war, dass für mich gleich das erste Konzert in Tränen enden würde! Was war passiert?

Reine Magie: John Legend singt Bridge over troubled water

Noch vor dem eigentlichen Beginn des Festivals fand ein Sonderkonzert mit John Legend statt. Ich merke mir nur selten, von wem welche Lieder sind, deshalb sagte mir der Name nichts – ich bin nur deswegen zu dem Konzert gegangen, weil mein Freund Lust darauf hatte. Ich war äußerst positiv überrascht von der Musik und von den persönlichen Geschichten, die John Legend zwischendurch erzählte. Gegen Ende des Konzerts erzählte er uns von seiner Großmutter, die ihm in seiner Kindheit sonntags nach der Kirche immer beigebracht hatte, wie man Gospelpiano spielt. Da sie eine große Inspiration für ihn gewesen war, widmete er ihr den nächsten Song. Dann stimmte er „Bridge over troubled water“ an – und ich hatte das Thema für meinen ersten Blog Post.

Ich kann nicht behaupten, dass ich gerne vor anderen weine. Dieses Lied aber, vorgetragen mit einer unglaublichen Stimmgewalt, hat eine derartige Ergriffenheit in mir ausgelöst, dass jeglicher Widerstand zwecklos war: Mir sind die Tränen nur so die Wangen heruntergelaufen. Gleichzeitig hat mich ein irres Glücksgefühl durchströmt. Es gibt noch andere Musikstücke, die mich ähnlich glücklich und ergriffen zurücklassen, meistens Klassik (das 1. Klavierkonzert von Tschaikowsky oder das 5. Klavierkonzert von Beethoven kommen mir da in den Sinn) oder Blues. Mir haben sich gleich die verschiedensten Fragen aufgedrängt: Warum fühlen wir uns oft glücklich und entspannt, wenn wir Musik hören? Gibt es Musikrichtungen, die uns glücklicher, ruhiger und ausgeglichener zurücklassen als andere? Woran liegt es, dass gemeinsames Singen und Musizieren Glücksgefühle in uns auslöst – und macht es einen Unterschied, um welche Musikrichtung es sich dabei handelt?

Man merkt schon, das Feld der Musikforschung ist groß und es ist unmöglich, alle Effekte, die Musik auf uns hat, in einem einzigen Blogartikel zu beschreiben. Dieser Artikel wird sich deshalb auf die Grundlagen konzentrieren, nämlich darauf, was beim Musikhören in unserem Gehirn passiert und wie wir dieses Wissen nutzen können, um unser Wohlbefinden zu steigern.

Was sagt die Forschung?

Um genau das herauszufinden, hat ein Wissenschaftsteam 63 Studien aus den Jahren 1992 bis 2014 begutachtet, die sich mit der Auswirkung von Musik auf Stress und auf das Immunsystem beschäftigen (Fancourt et al., 2014). Ziel des Wissenschaftsteams war es, diese Studien genau zu analysieren und herauszufinden, welchen Einfluss Musik auf Körper und Psyche hat, und zwar unabhängig davon, welche Methode für die Untersuchungen gewählt wurde.

Dabei darf man nicht unterschätzen, wie schwierig es ist, allgemeine Aussagen aus den Forschungsergebnissen zu ziehen: Nicht nur werden die Begriffe Musik, Gesundheit und Wohlbefinden in den Studien unterschiedlich definiert, es gibt auch noch eklatante Unterschiede bei den Untersuchungsmethoden. Wenn man all diese Effekte herausrechnet, lassen sich dennoch ein paar allgemeingültige Aussagen machen:

Das deutlichste Ergebnis aus den verschiedenen Studien zeigte sich bei Immunglobulin A (IgA) – einem Antikörper, dem wir die Abwehr von Viren, Bakterien und anderen Krankheitserregern verdanken. Das IgA macht ca. 10 bis 20% aller Immunglobuline aus, es bindet Krankheitserreger und macht deren Toxine unschädlich. Ganz egal, ob die Versuchspersonen stimulierender oder beruhigender Musik ausgesetzt waren und ob sie aktiv oder passiv am Musikgeschehen beteiligt waren: Das IgA stieg an. Musik wirkt sich also positiv auf unser Immunsystem aus.

Ein weiteres klares Ergebnis betrifft das Cortisol-Niveau, das bei entspannender Musik sinkt. Cortisol ist ein Hormon, das in den Nebennieren gebildet wird und für unseren Körper überlebenswichtig ist. Es ist an diversen Stoffwechselprozessen beteiligt und hilft uns, in stressigen Situationen leistungsfähig zu sein. Bei dauerhaftem Stress kann sich allerdings ein Cortisol-Überschuss bilden und in unserem Körper einigen Schaden anrichten. Folgen können ein Anstieg des Blutdrucks sein, ein gehemmtes Immunsystem, er kann zu Heißhungerattacken führen und gleichzeitig den Fettstoffwechsel negativ beeinflussen, so dass sich selbst bei Menschen, die Sport treiben, Muskelmasse abbauen und sich in Form von Fettpolstern um die Hüfte festsetzen kann. Von den möglichen Auswirkungen auf unseren Schlaf-Wachrhythmus und unsere psychische Gesundheit ganz zu schweigen.

Und schließlich belegen einige Untersuchungen, dass beim Hören angenehmer Musik, die eine starke emotionale Reaktion in uns hervorruft, vermehrt Dopamin ausgeschüttet wird (z.B. Salimpoor, 2011). Dopamin wird auch als Glückshormon bezeichnet, da es mit dem Belohnungssystem in unserem Hirn zusammenhängt – dabei führt es eigentlich vielmehr dazu, dass wir Verlangen nach etwas spüren und motiviert sind, uns das, wonach uns gelüstet, auch zu beschaffen. Das kann Essen sein, der Kick bei der Achterbahnfahrt, aber eben auch der Kick, den Drogen verschaffen. Haben wir dann erreicht, worauf wir so Lust hatten, wird erneut Dopamin freigesetzt und unser Wohlbefinden wird erhöht. Wie genau die Dopaminausschüttung beim Hören emotionsauslösender Musikstücke mit Glücksgefühlen zusammenhängt, wird zurzeit noch untersucht.

Was heißt das für uns?

Wie können wir nach diesen Erkenntnissen Musik nutzen, um Glücksgefühle zu erzeugen? Wenn wir unserem Immunsystem einen kleinen Boost geben wollen, reicht es schon, aktiv Musik zu hören. Wer sich dafür ruhige, entspannende Musik aussucht, trägt damit auch noch zum Abbau des Stresshormons Cortisol bei. Allerdings sollte man dabei nicht gleichzeitig noch andere Dinge tun, die den Stresslevel wieder anheben, also vielleicht nicht gerade dann die Wohnung entrümpeln, die längst überfällige Steuererklärung machen oder Computer spielen. Ein heißes Bad bei entspannender Musik kann in der kalten Jahreszeit Wunder wirken. Genauso kann es Stress abbauen, sich einfach mal eine Viertelstunde lang auf die Couch zu setzen und sich bei geschlossenen Augen entspannende Musik anzuhören. Wenn diese Musik dann noch starke Emotionen hervorruft, hat man den Jackpot gezogen, denn dann wird der positive Chemiecocktail in unserem Körper komplett und erzeugt richtige Glücksgefühle!


Quellenangaben:

Fancourt, D., Ockelford, A. & Abi Belai (2014). The psychoneuroimmunological effects of music: A systematic review and a new model. Brain, Behavior, and Immunity, 36, 15-26.

Salimpoor, V., Benovoy, M., Larcher, K. et al. (2011). Anatomically distinct dopamine release during anticipation and experience of peak emotion to music. Nature Neuroscience, 14, 257–262.

2 Kommentare zu „1. Der Ton macht die Musik“

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